Thesen zum Bildungsstreik

Dieses Thesenpapier entstand während des Frankfurter Bildungsstreiks. Es sollte verstanden werden als eine lose Ansammlung von Reflexionen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und chronologische Ordnung.

I

Ist es das Zeichen eines Anflugs von kritischer Selbstreflektion oder doch nur gewöhnliche Dummheit, wenn auf der Homepage mit dem Titel Bildungsstreik Frankfurt folgendes Zitat über den selbstgewählten Namen zu lesen ist: „Wer zum »Bildungsstreik« aufruft, für den ist Bildung, aller idealistischen Rhetorik zum Trotz, nichts als Kapital, dessen Realisierung verweigert wird, um der Gegenseite Zugeständnisse abzupressen. Entsprechend defensiv sehen die einschlägigen Aktionen aus.“? Weiß man, dass man mit Magnus Klaue jemanden zitiert, der, wenn er, was nicht selten war, über die Bildungsproteste und Studentenstreiks der letzten Jahre schrieb, dies vor allem in der Absicht tat, sie zu kritisieren? Hat man also aus seinen Fehlern gelernt und will wirklich diesmal alles anders machen? Oder holt man sich sogenannte kritische Stimmen ins eigene Boot, um später und von vornherein gegen alle Kritik gefeit zu sein?

II

Da wir den Organisatoren der Proteste unterstellen, dass sie lesen können, und also wissen, was in den Texten steht, die sie auf ihrer Homepage veröffentlichen, wollen wir einmal annehmen, dass diese nicht aus Blindheit und Naivität, sondern  absichtsvoll gewählt wurden. Es kann unter dieser Annahme einfach nur als vollständiges Scheitern jeder Vermittlung von Theorie und Praxis begriffen werden, wenn etwa in einem ebenfalls auf der Homepage veröffentlichten Aufsatz von Gerhard Stapelfeld über die Parole „Bildung ist keine Ware“ gesagt wird, sie offenbare „die Hilflosigkeit des Protestes, der offenbar deshalb schon erheblich an Schwung verloren hat“ und am heutigen ersten Besetzungstag des Casinos der Frankfurter Universität genau diese Parole von vielen Bannern prangt. Wahrscheinlicher ist es, anzunehmen, dass eine solche Vermittlung gar nicht erst versucht wird, sondern die Praxis, der Protest, der aus nichts mehr zu bestehen scheint, als dem leider unerfüllt bleibenden Anspruch, kreativ zu sein, vermittlungslos mit Theorieversatzstücken angereichert werden soll.

III

Das trotzige Einberufen von Vollversammlungen vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass nur ein Bruchteil der Studierenden an diesen teilnehmen möchte. Es mag Zeiten gegeben haben, vielleicht die träumerisch verklärten 2003er und 2006er Streiks, in denen das anders war. Heute jedoch fällt es der Unileitung und einigen Presseorganen auch deshalb so leicht, die Proteste auf ein Paar chaotisch Störende zu reduzieren und diesen die empörten Distanzierungserklärungen der besonneneren Studierenden entgegen zu halten, weil es schlicht den Zahlenverhältnissen entspricht. Was im Zusammenhang mit diesem Streik eindrucksvoll vor Augen geführt wurde, war die Frankfurter Eintracht aus Unileitung und den Studierenden, die von Universität noch nie mehr erwartet haben, als eine Maßnahme zur Berufsvorbereitung und deshalb jede Störung im Betriebsablauf scharf verurteilen. Sie sind zynischerweise auf der Höhe der Zeit, während manche Verlautbarungen aus den Studierendenprotesten dagegen wie larmoyantes Klammern an einer als irgendwie besser imaginierten früheren Zeit anmuten. Wie aus einer früheren Zeit erscheint auch die Praxis des Streiks, der zum einen in Anbetracht der überschaubaren Anzahl der an ihm Beteiligten sich ohnehin nur als eine Verzweifelungstat präsentiert, zum anderen auf eine Blockade des Bereichs der Lehre abzielt, welcher sich seinerseits ebenfalls auf dem universitären Abstellgleis befindet. Dort parken nun die Lehrenden ohne prestigeträchtige Forschungsprojekte und einige Studierende der Geistes-, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften. Wenn es nach der Unileitung ginge, könnten diese Abgehängten getrost den Turm dauerbestreiken, ist dieser doch nichts anderes als deren symbolträchtige Trutzburg, ein Relikt aus vergangenen Tagen, dessen Zeit schon lange abgelaufen ist. In Anbetracht dieser Zustände erscheint es als vernünftig, die eigenen Kräfteverhältnisse nicht zu überschätzen (z.B. an Gebäudeblockaden anknüpfen zu wollen, die nur peinlich enden würden) und gleichzeitig so dreist zu sein, nicht schon wieder den Turm, sondern das Casino zu besetzen. Doch droht eine solche Tat schnell in einem symbolischen medienwirksamen Spektakel aufzugehen, was keine Alternative zum Übel des Buhlens um jene angesehen werden kann, die nicht dort abgeholt werden wollen, wo sie stehen, weil sie allen anderen nunmal einen Schritt voraus sind.

IV

In ihrer Sehnsucht nach den Massen sind sich die Studierendenproteste mit allen anderen sozial Bewegten einig. Das Cover der aktuellen Frankfurter Streikzeitung schwelgt in Erinnerungen an Zeiten, in denen zu den Protesten mehr als die üblichen Verdächtigen aus den Hörsälen gelockt werden konnten. Dieser Erfolg möchte wiederholt, wenn nicht übertroffen werden,  und die armen Verblendeten, die trotz Streik in ihre Veranstaltungen gehen,  harren wie immer derer, die sie dort abholen, wo sie gerade stehen. Damit sich hinterher alle auf dem Appellplatz des IG-Farben-Campus, zwischen Casino und Hörsaalgebäude, vereinen, während die Macherinnen und Macher des Protestes von der Empore die Losungen verkünden. Zwar bereitet manchen die als „Herrschafts“-Architektur empfundene Gestaltung des Campus Unbehagen, doch ist dies schnell vergessen, sobald Vertreterinnen und Verteter der Studierendenschaft von der Kanzel zur Masse sprechen. Zu der Masse, die es trotz allen Bemühungen nicht gibt. So lange wird der Ärger über den ungeliebten Versammlungsplatz anhalten, bis er restlos von lauter Protestierenden gefüllt ist und vortreffliches Material für die Covergestaltung der nächsten hundert Streikzeitungen liefert. Ob manche der Protestierenden auf das Dilemma politischer Organisation gestoßen sind, dass, sobald versucht wird, sich kollektiv zu organisieren, sich in diesen Kollektiven meist eine Cliquenherrschaft herausbildet, und deshalb Basisdemokratie als die Lösung des Problems propagieren? Sollen die zuvor beschriebenen Vollversammlungsszenarien nur eine Übergangslösung darstellen, bis es der Protestavantgarde nicht mehr bedarf und sich die Widerständigen ganz unvermittelt einig sind? Wenn auf den Plena alle möglichen und unmöglichen Meinungen gleichberechtigt diskutiert werden, drängt sich die Frage auf, welche dieser Möglichkeiten die größere Zumutung darstellt.

V

Gerade weil es den Protesten an Inhalt fehlt, den man in unzähligen Plena und Sitzungen mit stets unbefriedigendem Ergebnis vorgibt zu erarbeiten, gerade weil man den meisten protestierenden Studenten ansieht, dass es ihnen an Ideen ebenso mangelt wie an Leidenschaft, muss ein Rahmenprogramm – zu dessen Organisation deutlich mehr Arbeitsgruppen gebildet wurden, als etwa zu Pressearbeit oder inhaltlichen Auseinandersetzungen – dafür sorgen, dass ja nicht aufkommt, was der Sache nach schon längst Inhalt der Proteste ist: Langeweile. Viel mehr scheint die sogenannte Protestwoche – für mehr reicht wohl die Zeit nicht aus – nicht zu versprechen, als eine Woche Karneval mit Parties, Luftballons, VoKü, gemeinsam Transpis bemalen, wenn’s gut kommt etwas Hasch und Kuscheln im Schlafsack usf. Reclaim your Campus heißt Regression der Universität zum Kindergarten. Folgend einige Kostproben aus besetzten Hörsälen in ganz Deutschland: Protestsongs von Hans Söllner in Würzburg, Gymnastik und Yoga in Freiburg oder Momo-Lesungen in Berlin.

VI

In der „Erklärung der Besetzer_innen aus dem Casino“ muss zum Ende selbstverständlich noch eines gesagt werden: „Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten.“ Allerdings zeigt die Einheitsfront Risse, wie sie trotz des erwähnten fragwürdigen Vorsatzes selbst in der Erklärung  zu finden sind. Wird dort auf der einen Seite betont, man wolle nichts erbetteln und keinesfalls konstruktiv, sondern kämpferisch und ungehörig sein, versucht man auf der anderen Seite, das selbstorganisierte Workshopprogramm mit den entstandenen Schäden der Besetzung zu verrechnen: „Im Übrigen möchten wir darauf aufmerksam machen, dass unser einwöchiges Workshopprogramm umsonst organisiert und frei zugänglich war. Die Gelder, die eine Hochschule für solch ein Programm eigentlich bereitzustellen hätte, dürften den entstandenen Sachschaden um einiges übersteigen.“ Wenn hier versucht wird, das kreative Potential der jungen Veranstaltungsplanerinnen und -planer vorzurechnen, wird es peinlich und eines deutlich, dass Spaltung Not tut. Bevor man Gefahr läuft, es allen ganz basisdemokratisch Recht zu machen und hinterher nichts mehr zu sagen als trotzige Phrasen im Stile der eingangs zitierten. Zu den Elementen des Protestes in Frankfurt, die über jene in vielen anderen Städten hinauswiesen, zählten nicht zuletzt die Momente der Verweigerung und des Widerstands dagegen, sich von der Universitätsleitung vereinnahmen zu lassen und sich bei ihr anzubiedern. Diese Momente gilt es gegen die Einheitsfront des kleinsten gemeinsamen Nenners – irgendwie mit dem Studium unzufrieden zu sein – zu verteidigen.

VII

Will der Protest vernünftig sein, sich womöglich radikalisieren, gälte es, sich von falschen Identifikationen a la „Wir Studenten“, „Unis den Studis“ und ähnlichem zu verabschieden. Das hieße, anstatt die hohle Phrase für mehr Bildung vor sich herzutragen – als handele es sich um ein quantitatives Problem – und diese Forderung an den Staat als Appellationsinstanz zu stellen, nach der qualitiativen Formbestimmung dieser Bildung selbst zu fragen, also nicht für Bildung einzutreten sondern gegen ihre falsche gesellschaftliche Form. Dann erst käme man vielleicht auf die Idee, dass Bildung nicht erst durch die beklagte Ökonomisierung der Universitäten zur Ware gemacht wird, sondern im Kapitalismus gar nichts anderes sein kann als eine solche. Da kann man noch so oft beschwörend ausrufen „Bildung ist keine Ware“ und damit einen Zustand verteidigen wollen, der längst nicht mehr existiert, besser: noch nie existiert hat; man wird nicht mehr erreichen als jene Studenten, die 1969 in Woodstock den Regen aufforderten, er solle doch endlich damit aufhören, sie nass zu machen.

VIII

Wie die proletarische Revolution, wäre sie je gelungen, die Selbstaufhebung der Klasse in eine freie Assoziation von Individuen hätte sein müssen, so hätte ein revolutionärer Studentenprotest zur Voraussetzung den Bruch eines jeden Einzelnen mit seiner gesellschaftlichen Funktion als Student. Nicht im Namen eines Studentenkollektivs, oder noch schlimmer im Namen eines höheren allgemeinen Prinzips wie der Bildung müssten Forderungen gestellt werden, sondern im Namen der einzelnen Individuen, die darum betrogen werden, was universitäre Bildung doch der Möglichkeit nach sein könnte: Freiheit und Muße zu kritischem Forschen, Lernen und Denken.

IX

Wir können nur hoffen, dass kritische Interventionen wie die unsere, auch solche, wie sie sich teilweise in den von den Organisatoren der Frankfurter Studienproteste angebotenen Alternativvorlesungen niederschlugen, dazu führen, dass der studentische Stumpfsinn endlich ein Ende hat, dass jener antiautoritäre Gestus aufgegeben wird, der sich allen möglichen Autoritäten unterwirft, nur nicht der Autorität der Sache, dass man sich nicht länger dem Staat als bessere Demokraten anbiedert, den Bildungspolitikern nach dem Maul redet und die „Macht mit!“- Suppe mit ein wenig Theorieproduktion salzt und mit revolutionärem Flair pfeffert, also „dasselbe wie vorher, nur ohne Ordnung“ (Magnus Klaue) serviert, sondern dass der Protest mit seiner vernünftigsten Forderung, der nach Freiheit des Denkens selbst identisch wird, dass also eine Vermittlung von Theorie und Praxis in der Kritik stattfindet. Vorerst deutet jedoch alles darauf hin, dass nach einer Woche „Altersheim für Jugendliche“ (ders.), die dann als gelungene Abwechslung gefeiert wird, der alte lahme Trott weitergeht, wie wenn er nie unterbrochen worden wäre.

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