Gegen die Demokratisierung aller Lebensbereiche!

Der folgende Text entspricht einem Flugblatt, welches anlässlich der bundesweiten Demonstration „die uni gehört allen“, am 30.01.2010 in Frankfurt a.M., erstellt wurde.

Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, dass der Student in Deutschland nach dem Mediengestalter und dem Sozialpädagogen das am weitesten beliebte Wesen ist. Die Gründe für seine Beliebtheit stammen aus der herrschenden Ideologie. Dieser sitzt er selbst noch dann auf, wenn er sich aufmüpfig zeigt, woraufhin dann auch die herrschende Ideologie mit dieser Aufmüpfigkeit ihr vollstes Einverständnis zeigt. Dass beides vom Standpunkt der revolutionären Kritik aus wirklich verachtungswürdig ist, zeigt ihr. (Situationistische Internationale, Über das Elend im Studentenmilieu, 1966, von den Verfassern leicht abgeändert und aktualisiert)

Es geht mal wieder „ums Ganze“. Der sogenannte Bildungsstreik im heißen Herbst 2009 läutet die nächste soziale Revolution ein:  „Auch in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens kommt es immer öfter zu sozialen Konflikten. Arbeiter_innen, Azubis, Schüler_innen, Studierende, von Abschiebung Bedrohte, Erwerbslose und andere gehen auf die Straße“.[1] Welche Straße hier imaginiert wird, ist schwer auszumachen, spekuliert werden kann nur, wo sie hinführt. Highway to hell oder Road to nowhere? Egal, ob ins kapitalistische Niemandsland oder in die antikapitalistische Hölle, der Weg dorthin erstreckt sich geradeaus, ohne verschlungene Pfade und Umwege, den Blick nach vorn, kein Schritt zurück. Der Marsch ist geblasen. Wer Aktivist ist, kennt kein Scheitern, darf es nicht kennen. Es gibt für ihn nur Erfolge, sind sie keine, muss er sie eben zu solchen machen.

Der letzte linke Frankfurter Student hätte aus der polizeilichen Räumung des „Casinos“ und der reaktionären Empörung (empörter Müller-Esterl, empörte Fachschaften, empörte FAZ) etwas lernen können. Dass die braven Opportunisten, Loyalisten, Staatsfreunde und Bittsteller (kurz: Studenten) zurückzuweisen, nur durch eine Abweichung vom geduldeten Aufstand möglich wäre. Jedoch Reflexion liegt ihm fern, er halluziniert lieber. Spaltung, das einzig Vernünftige, nämlich die überfällige Distanzierung von dem infantilen Klamauk, der sich bundesweiter Bildungsprotest nennt, Spaltung also kann er als aktive Handlung gar nicht denken, sie muss ihm als stets gegenwärtige Bedrohung von außen erscheinen. „Und eins sei gesagt: Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten“[2]. Er macht sich lieber zur Avantgarde des Elends, über das manch einer, wie man hätte meinen können, eigentlich schon hinaus war. Die jeder Wirklichkeit entrückte Befürchtung der FAZ, „Frankfurts Universität [sei] immer noch Tummelplatz für Radikale“[3], betrachtet er, positiv gewendet, als revolutionären Auftrag, die Massen nach Frankfurt zu holen, um gemeinschaftsstiftend sich an die Spitze des studentischen Elends zu setzen. Die größenwahnsinnigen Organisatoren – „möglicherweise angeführt von einer bundesweiten Organisation aus Antifa, Gewerkschaftsaktivisten und Autonomen“ (FAZ) – wollen die totale Mobilmachung der Ohnmächtigen. Sie gründen, in vermeintlich satirischer Anlehnung oder humorloser Abgrenzung an das MuK der Goethe-Universität, eine Arbeitsgruppe „Marketing und Kommunikation“[4]: obligatorische, der Radiowerbung entnommene, mit Technomusik untermalte Werbejingles, in denen krampfhaft bemüht, ungläubig glaubend, ein Sprecher den Ton und Enthusiasmus revolutionärer Agitationsreden nachahmt; Plakate und Flyer, auf denen ein gesichtsloser Student abgebildet ist, in modernem Design Bücher werfend, anstatt sie lesend, eine linksradikal-konformistische Identifikationsfigur, neben der geschrieben steht: „solidarisch für freie bildung [!] und ein selbstbestimmtes leben [!]“. Propaganda der abscheulichsten Art. Das „Mobilisierungsvideo“ besticht mit Bildern, die exakt darauf angelegt sind, die antikapitalistische Sehnsucht der Massen zu wecken: Ein schwarzer Block, gefolgt vom bunten Mob, marschiert durchs Bankenviertel Frankfurts bei Nacht. Die gespenstische Atmosphäre, die entsteht, wenn die amorphe Masse der Demonstrierenden auf die Symbolik des Kapitals, die hellbeleuchteten Skyscrapers der Finanzwelt, trifft, weckt die revolutionäre Angstlust, die auf jeder linken Demo vorherrscht, und die noch durch das martialische Auftreten der Uniformierten verstärkt wird. Frankfurt, town of finance – Frankfurt, town of revolutionary protest. Kein Zufall, die Ortswahl für den bundesweiten Bildungsprotest.

Um alle ins Boot zu holen, bedarf es einer ausgefuchsten Strategie, eines integrativen Mechanismus, der es allen rechtmacht. Gemeinsam ist den Ansprüchen der Autonomen, Linksalternativen, Gewerkschaftlern, Bildungsbürgern und gewöhnlichen Studenten, die alle auf ihre Weise angesprochen werden, der Ruf nach Demokratisierung. Wie schon die Rede vom „Bildungsklau“ deutlich bezeugt, wie sehr das eigene Denken im Bann der Warenform gefangen bleibt, wie also auch Bildung nur als Ding begriffen werden kann, das einem die Mächtigen dieser Welt gewillt sind zu klauen – der Besitzanspruch in der Formel „Die Uni gehört uns allen“[5]drückt ebendies aus – und nicht als mündiges Lernen, Selbsterfahrung, Fähigkeit und Leidenschaft zur Individuation, letztendlich Merkmale der geglückten Liaison zwischen Eros und Intellekt, also Denken, das als fluides, nicht verdinglichtes der Kopf der Leidenschaft ist[6]; sosehr ist die „Unzufriedenheit selbst zu einer Ware geworden“[7], und der studentische Protest, der nie mehr war als ein riesiges Spektakel, stellt nichts anderes dar, als jene „Banalisierungsbewegung“[8], die das Kapital selbst ist. Kein Wunder also, dass mit der Forderung nach Demokratie, in der, alle Widersprüche versöhnend, die heutige Demonstration mündet, eine objektiv verwirklichte Kategorie kapitalistischer Vergesellschaftung bemüht wird, die als das ganz Andere, als Ideal oder Vorschein einer freien Assoziation der Individuen verkauft wird.  In dieser Verkehrung aber ist mehr enthalten als nur Lüge. Sie enthält die Wahrheit des direktdemokratischen Wahns, der keine bürgerlichen Vermittlungsformen mehr kennen möchte und anstelle der fremdbestimmten die  „eigenverantwortliche und  selbstbestimmte Ent-Individuierung“[9] setzt. Es ist die freie Entscheidung zur Unfreiheit, die genau dann ins Spiel kommt, wenn über die eigene Ohnmacht und Unfreiheit nicht mehr reflektiert sondern hinweggegangen wird. Sie wird übertönt durch die lauten Appelle ans  Engagement und Mitmachen, ohne die kein Aktivismus auskommt.  Nicht nur, dass mit der Demokratisierung der Universität etwas eingefordert wird, was ebenso Parole der universitären Politik ist, die bewegten Demonstranten des 30. Januar legen noch eins drauf. Ihnen reicht die demokratische Universität noch nicht, sie wollen, durch illusorische Beschwörung einer nichtvorhandenen revolutionären Situation, die „radikale Demokratisierung aller Lebensbereiche“. Solchen Äußerungen ist wohl mit Verachtung, in jedem Fall aber mit Vorsicht zu begegnen. Sie gemahnen an die „Ekstase der totalen, alle Lebensbereiche umfassenden, faschistischen Mobilmachung“[10], deren erklärtes Programm es war, noch die letzten Refugien der Privatheit auszumerzen und an deren Stelle einen Begriff des Politischen zu etablieren, der bis in die letzte Faser des sozialen Lebens durchdringt. Kritik aber wäre Zersetzung, Spaltung, ohne taktische Abwägung und Rücksicht auf Mehrheitskompatibilität. Es gibt kein „Recht auf Kritik“, wie es auf einem Plakat im Foyer der Goethe-Universität  geschrieben steht, das in entweder unterwürfiger Geste erbettelt oder trotziger Haltung erkämpft werden müsste. Was es jedoch gibt, ist die Möglichkeit der Kritik, die jedem denkenden Menschen gegeben ist. Sie zu entfalten wäre der erste Schritt zu ihrer Bewahrheitung, sprich das Überflüssigmachen ihrer Notwendigkeit. Dafür braucht es keine selbstverwalteten Räume, keine Straße, auf der wir gemeinsam kämpfen und schon gar kein Studium. Es braucht eine Artikulation der Negativität, des eigenen, individuellen Scheiterns, das immer auch gesellschaftlich präformiert ist. Ein Denken, das Widerstand als Reflexion seiner praktischen Unmöglichkeit bewahrt. Doch davon wollen die positiv gestimmten, auf Erfolg zielenden demokratischen Studenten nichts wissen.

Kegelkreis Preungesheim und anderer gelehrter Gesellschaften Mitglieder


[1] http://bildungsstreik-ffm.de/3001/aufruf.html

[2] http://bildungsstreik-ffm.de/cms/?p=74

[3]http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EAB5BC25C93A44545BC609DF2462428C8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[4] http://www.unigehoertallen.tk/

[5]vgl. http://www.asta.uni-frankfurt.de/aktuell/_node/show/3240480.html

[6] Vgl. Magnus Klaue: Wer nicht fragt, bleibt dumm (http://jungle-world.com/artikel/2010/01/40146.html)

[7] Guy Debord: Gesellschaft des Spektakels

[8] ebd.

[9] Clemens Nachtmann: Der Alptraum der direkten Demokratie, Vortrag, gehalten in Wien am 27.4.2001 (Audiodatei unter http://www.cafecritique.priv.at/Audio.html), vgl auch. Ders: Über die Entnazifizierung des Faschismus, in: Bahamas 33/2000

[10] ebd.

Advertisements

1 Response to “Gegen die Demokratisierung aller Lebensbereiche!”


  1. 1 hglkp Januar 29, 2010 um 11:01 pm

    Fußnote [5] wurde soeben nachträglich eingefügt.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s




Advertisements

%d Bloggern gefällt das: