Veranstaltungsreihe zur Kritik der praktischen Unvernunft

Veranstaltungshinweis Gruppe Morgenthau (www.gruppemorgenthau.blogsport.de) und Prozionistische Linke Frankfurt (www.prozion.de):

1.) Der Mensch als Partisan – Carl Schmitt als Theoretiker der Menschenrechte Vortrag und Diskussion mit Niklaas Machunsky
Donnerstag, 29. April 2010, 20 Uhr, Campus Westend (IG Farben-Campus)
Raum IG 0.454
Veranstalter: Gruppe Morgenthau
Unterstützer: Initiative Studierender am IG Farben Campus

Während die ersten modernen Terroristen in Russland in ihrem Kampf gegen den Zaren alles bis hin zum Selbstopfer unternahmen, um unschuldige Opfer zu vermeiden, ist das Opfer des Selbst im Kampf gegen die Unschuldigen, die es nicht mehr geben soll, zur wirksamsten Waffe im Arsenal der islamischen Terroristen geworden. Was sich heute im suicide bombing Bahn bricht, war schon in den Befreiungskriegen gegen Napoleon angelegt. Darin hat die antiimperialistische Ideologie, der jede irreguläre Gewalt gegen das Imperium als Akt der Befreiung erscheint, recht behalten: die Leidenschaft für den Aufstand war bis heute nur im Namen der Nation oder Gottes erfolgreich. Soll sie jedoch nicht nur zur Legitimation des Bestehenden dienen, ist es nötig die Geschichte gegen den Strich zu lesen. Nur wenn man begreift, dass Geschichte immer auch hätte anders verlaufen können, ist auch die Hoffnung begründet, die Gegenwart könne auf eine andere Zukunft zulaufen, als es die objektive Tendenz befürchten lässt.

Niklass Machunsky ist Redakteur der Zeitschrift Prodomo und lebt in Köln.

2.) „Fight for Freedom!“ – Die Legende vom „anderen Deutschland“
Buchvorstellung mit Anja Worm und Jan Gerber
Freitag, 07. Mai 2010, 19 Uhr, im Café Kurzschlusz der Fachhochschule Frankfurt, Kleiststraße 5
Veranstalter: Autonome Liste Café Kurzschlusz
Unterstützer: AStA der Fachhochschule Frankfurt

“Nach der ersten deutschen Niederlage”, so erklärten Curt Geyer und Walter Loeb 1942, “wurde der Welt die Lüge von der deutschen Unschuld aufgetischt. Die Welt wurde eingeladen zu glauben, dass Deutschland angegriffen wurde und dass es das Schwert zu seiner eigenen Verteidigung gezogen hat. Eine zweite Lüge wird derzeit für den universellen Gebrauch vorbereitet, die Lüge, dass das deutsche Volk an diesem Krieg unschuldig ist.” Während die erste Lüge inzwischen weitgehend vergessen ist, hat die zweite nach wie vor Bestand. Die Legende vom “anderen Deutschland” war eine der ideologischen Gründungsvoraussetzungen der Bundesrepublik und der DDR. Sie gehört bis heute zum geschichtspolitischen Repertoire der Berliner Republik.

Curt Geyer, Walter Loeb und die Mitglieder der “Fight-for-Freedom”-Gruppe zählen zu den Wenigen, die dieser Legende schon in den frühen 1940er Jahren, im britischen Exil, entgegentraten. Mit antideutschen Schriften unterstützten sie Sir Robert Vansittart, Mitglied des britischen Oberhauses und Publizist – und neben Henry Morgenthau bis heute einer der meistgehassten Männer in Deutschland.

Jan Gerber und Anja Worm, die die zentralen Texte des “Fight-for-Freedom”-Kreises erstmals in deutscher Übersetzung herausgegeben haben, stellen in ihrem Vortrag nicht nur die Aktivitäten, Schriften und Reflexionen dieser Gruppe vor. Sie hinterfragen zugleich die Rede vom “anderen Deutschland”. Warum konnte die Vorstellung, der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und Auschwitz seien den Deutschen gegen ihren Willen von einer kleinen Clique Wahnsinniger aufgezwungen worden, wirkungsmächtig werden? Welche Bedürfnisse bedient die Rede vom “anderen Deutschland”? Warum wurde die “Fight-for-Freedom”-Gruppe also trotz ihrer erfolgreichen publizistischen Aktivitäten in Großbritannien und der zahllosen Angriffe, mit denen sie von Seiten des arbeiterbewegten Exils – vom damaligen SAPler Willy Brandt über den Kommunisten Jürgen Kuczynski bis hin zu den Sozialdemokraten Friedrich Stampfer und Erich Ollenhauer – bedacht wurde, sowohl in der deutschen Öffentlichkeit als auch im Wissenschaftsbetrieb über Jahrzehnte hinweg ignoriert?

Jan Gerber und Anja Worm sind Herausgeber des Bandes Curt Geyer, Walter Loeb u.a.: Fight for Freedom! Die Legende vom “anderen Deutschland” (Freiburg: Ça Ira 2009) und leben beide in Halle.

Im Anschluss an die Buchvorstellung findet im Café Kurzschlusz eine Party zum 8. Mai statt.

3.) Sexualität und Verdrängung – Kritik des islamischen Anti-Individualismus
Vorträge und Diskussion
Donnerstag, 20. Mai 2010, 19 Uhr, im Café Kurzschlusz der Fachhochschule Frankfurt, Kleiststraße 5
Veranstalter: Gruppe Morgenthau
Unterstützer: Prozionistische Linke Frankfurt

Referenten:
Thomas Maul
Zur Kritik des Phallozentrismus

Seit dem 11. September 2001 wird in der westlichen Öffentlichkeit die Frage diskutiert, was der Islam mit dem weltweit agierenden Suizid- und Tugendterror zu tun hat, der in seinem Namen zuförderst gegen Juden, Frauen und Homosexuelle sich richtet.

In Thomas Mauls kritischer Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses und der ihm entsprechenden Sexualpolitik im Spannungsfeld von Religion (Eschatologie, Ritualpraxis) und Gesellschaft (Patriarchalismus, orientalische Despotie, Djihad-Doktrin) erweist sich die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma) als wesenhaft durch einen Phallozentrismus konstituiert, der in der Moderne notwendig in die Krise gerät. Die gegenwärtige barbarische Gewalt des Kollektivs ist damit nichts anderes denn eine anachronistisch-pathologische Verteidigung der im Verfall begriffenen Tradition und gilt in letzter Instanz immer dem (sexuell) selbstbestimmten Individuum.

Thomas Maul ist Buchautor, schreibt gelegentlich für die Zeitschrift „Bahamas“, ist Mitglied der Gruppe „Hedonistische Mitte – Brigade Mondän“ und lebt in Berlin.

David Parnass
Die Hölle grünt – Kritik der „religiösen“ Toleranz

Nicht einmal mehr selbstverständlich ist es, am emphatischen Begriff der Aufklärung und dem mit ihr verbundenen Subjekt festzuhalten und als Individuum für dieses zu sprechen. Was im bürgerlichen Subjekt noch nicht mit sich identisch war, drängte unter dem Druck der Verhältnisse über diese hinaus, schlicht um das Leid zu mindern und das individuelle Glück zu mehren. Jene Reflexionsfähigkeit auf das unerhörte Leid und das ferne Glück ist der transzendente Moment, dem das Subjekt eingedenkt. Der Anspruch der Aufklärung war es, die Religion in die Vernunft aufzuheben, zu der jeder Mensch befähigt und deren Mittel die Kritik des Bestehenden ist. Dieser bis heute unerfüllte Anspruch ist universell und respektlos.

Aber unter dem Deckmantel der Religion fordert der Islams Respekt und Toleranz. Erwarten kann sie das nur von Menschen, die sich selbst längst aufgegeben haben und die in der Despotie der islamischen Hölle eine Verheißung ersehnen. Warum sie das tun, kann nicht ergründet werden. Diese Entscheidung ist individuell und steht außerhalb der Vernunft und damit unterhalb aller Kritik. Aber der Zusammenhang der affirmativen Haltung zum Islam, der Kritikabwehr und der Verleugnung der Totalität und der aus ihr entsprungene Vernichtungszusammenhanges kann aufgeklärt werden. Im Zentrum, als Objekt dieser negativen Totalität, standen und stehen die Juden und ihr Staat Israel. Das antizionistische Ticket, dessen sich die Freunde des Islam bedienen und das sie sich mit diesem teilen, verrät etwas über das Ressentiment gegen die Freiheit und Verantwortlichkeit des Individuums. An den Juden und ihrem Staat soll gerächt werden, was sie sich selber verbieten: den Status des Subjekts und damit das mögliche emphatische und mündige Individuum, dass sich im anderen wieder erkennt und damit den Gattungszusammenhang.

Dieser Zumutung, als Einzelner verantwortlich zu sein, wollen sich die postmodernen Lohnschreiber und Anwärter auf Universitätspöstchen erwehren, wenn sie, indem sie das Subjekt dekonstruieren, die Hymne auf Verhältnisse singen, in denen jenes zunehmend keine Rolle mehr spielt. Auf der Höhe der Zeit folgen diese zynisch, dem Vernichtungszusammenhang – in Auschwitz begonnen und vom „modernen“ Islam übernommen – um ihn theoretisch zu leugnen aber praktisch zu befördern.

Der Referent ist Redakteur der Zeitschrift Pólemos und lebt in Nürnberg.

4.) Feindbild Israel – der ewige Sündenbock
Vortrag und Diskussion mit Alex Feuerherdt und Tilman Tarach
Dienstag, 25. Mai 2010, 19 Uhr
Gemeinderatssaal der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Westendstraße 43
Veranstalter: Prozionistische Linke Frankfurt
Unterstützer: Deutsch-Israelische Gesellschaft Frankfurt, Honestly-Concerned, Jüdischer Jugend- und Studentenverband Hessen und Zionistische Organisation Deutschland

Über keinen Staat gibt es so viele Gerüchte wie über Israel. Tilman Tarach zeigt, daß die deutschen Medien, aber auch Organisationen wie die Uno und jede Menge »Israelkritiker« den Stoff liefern, aus dem diese diffamierenden Legenden gestrickt werden. Die alte Parole »Die Juden sind schuld« wird heute in weiten Teilen der Gesellschaft begierig auf den jüdischen Staat angewendet, und zwar reichlich unabhängig davon, wie er sich verhält.

Weit oben auf der Tagesordnung der »Israelkritiker« steht seit langem die israelische Siedlungspolitik. Alex Feuerherdt beleuchtet die Frage, warum viele nicht die Hamas und die Fatah, sondern die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten als »Haupthindernis für den Frieden im Nahen Osten« betrachten und hellauf empört sind, wenn sie gefragt werden, warum es offenbar nicht sein soll, daß Juden auch in einem prospektiven palästinensischen Staat leben dürfen.

Alex Feuerherdt ist freier Autor und schreibt regelmäßig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zum Thema Nahost. Er ist Co-Autor des Buches »Verratene Freiheit – Der Aufstand im Iran und die Antwort des Westens«.

Tilman Tarach ist Autor des Buches »Der ewige Sündenbock. Heiliger Krieg, die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ und die Verlogenheit der sogenannten Linken im Nahostkonflikt« (http://tilmantarach.blogspot.com).

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Gegen die Demokratisierung aller Lebensbereiche!

Der folgende Text entspricht einem Flugblatt, welches anlässlich der bundesweiten Demonstration „die uni gehört allen“, am 30.01.2010 in Frankfurt a.M., erstellt wurde.

Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, dass der Student in Deutschland nach dem Mediengestalter und dem Sozialpädagogen das am weitesten beliebte Wesen ist. Die Gründe für seine Beliebtheit stammen aus der herrschenden Ideologie. Dieser sitzt er selbst noch dann auf, wenn er sich aufmüpfig zeigt, woraufhin dann auch die herrschende Ideologie mit dieser Aufmüpfigkeit ihr vollstes Einverständnis zeigt. Dass beides vom Standpunkt der revolutionären Kritik aus wirklich verachtungswürdig ist, zeigt ihr. (Situationistische Internationale, Über das Elend im Studentenmilieu, 1966, von den Verfassern leicht abgeändert und aktualisiert)

Es geht mal wieder „ums Ganze“. Der sogenannte Bildungsstreik im heißen Herbst 2009 läutet die nächste soziale Revolution ein:  „Auch in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens kommt es immer öfter zu sozialen Konflikten. Arbeiter_innen, Azubis, Schüler_innen, Studierende, von Abschiebung Bedrohte, Erwerbslose und andere gehen auf die Straße“.[1] Welche Straße hier imaginiert wird, ist schwer auszumachen, spekuliert werden kann nur, wo sie hinführt. Highway to hell oder Road to nowhere? Egal, ob ins kapitalistische Niemandsland oder in die antikapitalistische Hölle, der Weg dorthin erstreckt sich geradeaus, ohne verschlungene Pfade und Umwege, den Blick nach vorn, kein Schritt zurück. Der Marsch ist geblasen. Wer Aktivist ist, kennt kein Scheitern, darf es nicht kennen. Es gibt für ihn nur Erfolge, sind sie keine, muss er sie eben zu solchen machen.

Der letzte linke Frankfurter Student hätte aus der polizeilichen Räumung des „Casinos“ und der reaktionären Empörung (empörter Müller-Esterl, empörte Fachschaften, empörte FAZ) etwas lernen können. Dass die braven Opportunisten, Loyalisten, Staatsfreunde und Bittsteller (kurz: Studenten) zurückzuweisen, nur durch eine Abweichung vom geduldeten Aufstand möglich wäre. Jedoch Reflexion liegt ihm fern, er halluziniert lieber. Spaltung, das einzig Vernünftige, nämlich die überfällige Distanzierung von dem infantilen Klamauk, der sich bundesweiter Bildungsprotest nennt, Spaltung also kann er als aktive Handlung gar nicht denken, sie muss ihm als stets gegenwärtige Bedrohung von außen erscheinen. „Und eins sei gesagt: Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten“[2]. Er macht sich lieber zur Avantgarde des Elends, über das manch einer, wie man hätte meinen können, eigentlich schon hinaus war. Die jeder Wirklichkeit entrückte Befürchtung der FAZ, „Frankfurts Universität [sei] immer noch Tummelplatz für Radikale“[3], betrachtet er, positiv gewendet, als revolutionären Auftrag, die Massen nach Frankfurt zu holen, um gemeinschaftsstiftend sich an die Spitze des studentischen Elends zu setzen. Die größenwahnsinnigen Organisatoren – „möglicherweise angeführt von einer bundesweiten Organisation aus Antifa, Gewerkschaftsaktivisten und Autonomen“ (FAZ) – wollen die totale Mobilmachung der Ohnmächtigen. Sie gründen, in vermeintlich satirischer Anlehnung oder humorloser Abgrenzung an das MuK der Goethe-Universität, eine Arbeitsgruppe „Marketing und Kommunikation“[4]: obligatorische, der Radiowerbung entnommene, mit Technomusik untermalte Werbejingles, in denen krampfhaft bemüht, ungläubig glaubend, ein Sprecher den Ton und Enthusiasmus revolutionärer Agitationsreden nachahmt; Plakate und Flyer, auf denen ein gesichtsloser Student abgebildet ist, in modernem Design Bücher werfend, anstatt sie lesend, eine linksradikal-konformistische Identifikationsfigur, neben der geschrieben steht: „solidarisch für freie bildung [!] und ein selbstbestimmtes leben [!]“. Propaganda der abscheulichsten Art. Das „Mobilisierungsvideo“ besticht mit Bildern, die exakt darauf angelegt sind, die antikapitalistische Sehnsucht der Massen zu wecken: Ein schwarzer Block, gefolgt vom bunten Mob, marschiert durchs Bankenviertel Frankfurts bei Nacht. Die gespenstische Atmosphäre, die entsteht, wenn die amorphe Masse der Demonstrierenden auf die Symbolik des Kapitals, die hellbeleuchteten Skyscrapers der Finanzwelt, trifft, weckt die revolutionäre Angstlust, die auf jeder linken Demo vorherrscht, und die noch durch das martialische Auftreten der Uniformierten verstärkt wird. Frankfurt, town of finance – Frankfurt, town of revolutionary protest. Kein Zufall, die Ortswahl für den bundesweiten Bildungsprotest.

Um alle ins Boot zu holen, bedarf es einer ausgefuchsten Strategie, eines integrativen Mechanismus, der es allen rechtmacht. Gemeinsam ist den Ansprüchen der Autonomen, Linksalternativen, Gewerkschaftlern, Bildungsbürgern und gewöhnlichen Studenten, die alle auf ihre Weise angesprochen werden, der Ruf nach Demokratisierung. Wie schon die Rede vom „Bildungsklau“ deutlich bezeugt, wie sehr das eigene Denken im Bann der Warenform gefangen bleibt, wie also auch Bildung nur als Ding begriffen werden kann, das einem die Mächtigen dieser Welt gewillt sind zu klauen – der Besitzanspruch in der Formel „Die Uni gehört uns allen“[5]drückt ebendies aus – und nicht als mündiges Lernen, Selbsterfahrung, Fähigkeit und Leidenschaft zur Individuation, letztendlich Merkmale der geglückten Liaison zwischen Eros und Intellekt, also Denken, das als fluides, nicht verdinglichtes der Kopf der Leidenschaft ist[6]; sosehr ist die „Unzufriedenheit selbst zu einer Ware geworden“[7], und der studentische Protest, der nie mehr war als ein riesiges Spektakel, stellt nichts anderes dar, als jene „Banalisierungsbewegung“[8], die das Kapital selbst ist. Kein Wunder also, dass mit der Forderung nach Demokratie, in der, alle Widersprüche versöhnend, die heutige Demonstration mündet, eine objektiv verwirklichte Kategorie kapitalistischer Vergesellschaftung bemüht wird, die als das ganz Andere, als Ideal oder Vorschein einer freien Assoziation der Individuen verkauft wird.  In dieser Verkehrung aber ist mehr enthalten als nur Lüge. Sie enthält die Wahrheit des direktdemokratischen Wahns, der keine bürgerlichen Vermittlungsformen mehr kennen möchte und anstelle der fremdbestimmten die  „eigenverantwortliche und  selbstbestimmte Ent-Individuierung“[9] setzt. Es ist die freie Entscheidung zur Unfreiheit, die genau dann ins Spiel kommt, wenn über die eigene Ohnmacht und Unfreiheit nicht mehr reflektiert sondern hinweggegangen wird. Sie wird übertönt durch die lauten Appelle ans  Engagement und Mitmachen, ohne die kein Aktivismus auskommt.  Nicht nur, dass mit der Demokratisierung der Universität etwas eingefordert wird, was ebenso Parole der universitären Politik ist, die bewegten Demonstranten des 30. Januar legen noch eins drauf. Ihnen reicht die demokratische Universität noch nicht, sie wollen, durch illusorische Beschwörung einer nichtvorhandenen revolutionären Situation, die „radikale Demokratisierung aller Lebensbereiche“. Solchen Äußerungen ist wohl mit Verachtung, in jedem Fall aber mit Vorsicht zu begegnen. Sie gemahnen an die „Ekstase der totalen, alle Lebensbereiche umfassenden, faschistischen Mobilmachung“[10], deren erklärtes Programm es war, noch die letzten Refugien der Privatheit auszumerzen und an deren Stelle einen Begriff des Politischen zu etablieren, der bis in die letzte Faser des sozialen Lebens durchdringt. Kritik aber wäre Zersetzung, Spaltung, ohne taktische Abwägung und Rücksicht auf Mehrheitskompatibilität. Es gibt kein „Recht auf Kritik“, wie es auf einem Plakat im Foyer der Goethe-Universität  geschrieben steht, das in entweder unterwürfiger Geste erbettelt oder trotziger Haltung erkämpft werden müsste. Was es jedoch gibt, ist die Möglichkeit der Kritik, die jedem denkenden Menschen gegeben ist. Sie zu entfalten wäre der erste Schritt zu ihrer Bewahrheitung, sprich das Überflüssigmachen ihrer Notwendigkeit. Dafür braucht es keine selbstverwalteten Räume, keine Straße, auf der wir gemeinsam kämpfen und schon gar kein Studium. Es braucht eine Artikulation der Negativität, des eigenen, individuellen Scheiterns, das immer auch gesellschaftlich präformiert ist. Ein Denken, das Widerstand als Reflexion seiner praktischen Unmöglichkeit bewahrt. Doch davon wollen die positiv gestimmten, auf Erfolg zielenden demokratischen Studenten nichts wissen.

Kegelkreis Preungesheim und anderer gelehrter Gesellschaften Mitglieder


[1] http://bildungsstreik-ffm.de/3001/aufruf.html

[2] http://bildungsstreik-ffm.de/cms/?p=74

[3]http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EAB5BC25C93A44545BC609DF2462428C8~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[4] http://www.unigehoertallen.tk/

[5]vgl. http://www.asta.uni-frankfurt.de/aktuell/_node/show/3240480.html

[6] Vgl. Magnus Klaue: Wer nicht fragt, bleibt dumm (http://jungle-world.com/artikel/2010/01/40146.html)

[7] Guy Debord: Gesellschaft des Spektakels

[8] ebd.

[9] Clemens Nachtmann: Der Alptraum der direkten Demokratie, Vortrag, gehalten in Wien am 27.4.2001 (Audiodatei unter http://www.cafecritique.priv.at/Audio.html), vgl auch. Ders: Über die Entnazifizierung des Faschismus, in: Bahamas 33/2000

[10] ebd.

Thesen zum Bildungsstreik

Dieses Thesenpapier entstand während des Frankfurter Bildungsstreiks. Es sollte verstanden werden als eine lose Ansammlung von Reflexionen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und chronologische Ordnung.

I

Ist es das Zeichen eines Anflugs von kritischer Selbstreflektion oder doch nur gewöhnliche Dummheit, wenn auf der Homepage mit dem Titel Bildungsstreik Frankfurt folgendes Zitat über den selbstgewählten Namen zu lesen ist: „Wer zum »Bildungsstreik« aufruft, für den ist Bildung, aller idealistischen Rhetorik zum Trotz, nichts als Kapital, dessen Realisierung verweigert wird, um der Gegenseite Zugeständnisse abzupressen. Entsprechend defensiv sehen die einschlägigen Aktionen aus.“? Weiß man, dass man mit Magnus Klaue jemanden zitiert, der, wenn er, was nicht selten war, über die Bildungsproteste und Studentenstreiks der letzten Jahre schrieb, dies vor allem in der Absicht tat, sie zu kritisieren? Hat man also aus seinen Fehlern gelernt und will wirklich diesmal alles anders machen? Oder holt man sich sogenannte kritische Stimmen ins eigene Boot, um später und von vornherein gegen alle Kritik gefeit zu sein?

II

Da wir den Organisatoren der Proteste unterstellen, dass sie lesen können, und also wissen, was in den Texten steht, die sie auf ihrer Homepage veröffentlichen, wollen wir einmal annehmen, dass diese nicht aus Blindheit und Naivität, sondern  absichtsvoll gewählt wurden. Es kann unter dieser Annahme einfach nur als vollständiges Scheitern jeder Vermittlung von Theorie und Praxis begriffen werden, wenn etwa in einem ebenfalls auf der Homepage veröffentlichten Aufsatz von Gerhard Stapelfeld über die Parole „Bildung ist keine Ware“ gesagt wird, sie offenbare „die Hilflosigkeit des Protestes, der offenbar deshalb schon erheblich an Schwung verloren hat“ und am heutigen ersten Besetzungstag des Casinos der Frankfurter Universität genau diese Parole von vielen Bannern prangt. Wahrscheinlicher ist es, anzunehmen, dass eine solche Vermittlung gar nicht erst versucht wird, sondern die Praxis, der Protest, der aus nichts mehr zu bestehen scheint, als dem leider unerfüllt bleibenden Anspruch, kreativ zu sein, vermittlungslos mit Theorieversatzstücken angereichert werden soll.

III

Das trotzige Einberufen von Vollversammlungen vermag nicht darüber hinwegzutäuschen, dass nur ein Bruchteil der Studierenden an diesen teilnehmen möchte. Es mag Zeiten gegeben haben, vielleicht die träumerisch verklärten 2003er und 2006er Streiks, in denen das anders war. Heute jedoch fällt es der Unileitung und einigen Presseorganen auch deshalb so leicht, die Proteste auf ein Paar chaotisch Störende zu reduzieren und diesen die empörten Distanzierungserklärungen der besonneneren Studierenden entgegen zu halten, weil es schlicht den Zahlenverhältnissen entspricht. Was im Zusammenhang mit diesem Streik eindrucksvoll vor Augen geführt wurde, war die Frankfurter Eintracht aus Unileitung und den Studierenden, die von Universität noch nie mehr erwartet haben, als eine Maßnahme zur Berufsvorbereitung und deshalb jede Störung im Betriebsablauf scharf verurteilen. Sie sind zynischerweise auf der Höhe der Zeit, während manche Verlautbarungen aus den Studierendenprotesten dagegen wie larmoyantes Klammern an einer als irgendwie besser imaginierten früheren Zeit anmuten. Wie aus einer früheren Zeit erscheint auch die Praxis des Streiks, der zum einen in Anbetracht der überschaubaren Anzahl der an ihm Beteiligten sich ohnehin nur als eine Verzweifelungstat präsentiert, zum anderen auf eine Blockade des Bereichs der Lehre abzielt, welcher sich seinerseits ebenfalls auf dem universitären Abstellgleis befindet. Dort parken nun die Lehrenden ohne prestigeträchtige Forschungsprojekte und einige Studierende der Geistes-, Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaften. Wenn es nach der Unileitung ginge, könnten diese Abgehängten getrost den Turm dauerbestreiken, ist dieser doch nichts anderes als deren symbolträchtige Trutzburg, ein Relikt aus vergangenen Tagen, dessen Zeit schon lange abgelaufen ist. In Anbetracht dieser Zustände erscheint es als vernünftig, die eigenen Kräfteverhältnisse nicht zu überschätzen (z.B. an Gebäudeblockaden anknüpfen zu wollen, die nur peinlich enden würden) und gleichzeitig so dreist zu sein, nicht schon wieder den Turm, sondern das Casino zu besetzen. Doch droht eine solche Tat schnell in einem symbolischen medienwirksamen Spektakel aufzugehen, was keine Alternative zum Übel des Buhlens um jene angesehen werden kann, die nicht dort abgeholt werden wollen, wo sie stehen, weil sie allen anderen nunmal einen Schritt voraus sind.

IV

In ihrer Sehnsucht nach den Massen sind sich die Studierendenproteste mit allen anderen sozial Bewegten einig. Das Cover der aktuellen Frankfurter Streikzeitung schwelgt in Erinnerungen an Zeiten, in denen zu den Protesten mehr als die üblichen Verdächtigen aus den Hörsälen gelockt werden konnten. Dieser Erfolg möchte wiederholt, wenn nicht übertroffen werden,  und die armen Verblendeten, die trotz Streik in ihre Veranstaltungen gehen,  harren wie immer derer, die sie dort abholen, wo sie gerade stehen. Damit sich hinterher alle auf dem Appellplatz des IG-Farben-Campus, zwischen Casino und Hörsaalgebäude, vereinen, während die Macherinnen und Macher des Protestes von der Empore die Losungen verkünden. Zwar bereitet manchen die als „Herrschafts“-Architektur empfundene Gestaltung des Campus Unbehagen, doch ist dies schnell vergessen, sobald Vertreterinnen und Verteter der Studierendenschaft von der Kanzel zur Masse sprechen. Zu der Masse, die es trotz allen Bemühungen nicht gibt. So lange wird der Ärger über den ungeliebten Versammlungsplatz anhalten, bis er restlos von lauter Protestierenden gefüllt ist und vortreffliches Material für die Covergestaltung der nächsten hundert Streikzeitungen liefert. Ob manche der Protestierenden auf das Dilemma politischer Organisation gestoßen sind, dass, sobald versucht wird, sich kollektiv zu organisieren, sich in diesen Kollektiven meist eine Cliquenherrschaft herausbildet, und deshalb Basisdemokratie als die Lösung des Problems propagieren? Sollen die zuvor beschriebenen Vollversammlungsszenarien nur eine Übergangslösung darstellen, bis es der Protestavantgarde nicht mehr bedarf und sich die Widerständigen ganz unvermittelt einig sind? Wenn auf den Plena alle möglichen und unmöglichen Meinungen gleichberechtigt diskutiert werden, drängt sich die Frage auf, welche dieser Möglichkeiten die größere Zumutung darstellt.

V

Gerade weil es den Protesten an Inhalt fehlt, den man in unzähligen Plena und Sitzungen mit stets unbefriedigendem Ergebnis vorgibt zu erarbeiten, gerade weil man den meisten protestierenden Studenten ansieht, dass es ihnen an Ideen ebenso mangelt wie an Leidenschaft, muss ein Rahmenprogramm – zu dessen Organisation deutlich mehr Arbeitsgruppen gebildet wurden, als etwa zu Pressearbeit oder inhaltlichen Auseinandersetzungen – dafür sorgen, dass ja nicht aufkommt, was der Sache nach schon längst Inhalt der Proteste ist: Langeweile. Viel mehr scheint die sogenannte Protestwoche – für mehr reicht wohl die Zeit nicht aus – nicht zu versprechen, als eine Woche Karneval mit Parties, Luftballons, VoKü, gemeinsam Transpis bemalen, wenn’s gut kommt etwas Hasch und Kuscheln im Schlafsack usf. Reclaim your Campus heißt Regression der Universität zum Kindergarten. Folgend einige Kostproben aus besetzten Hörsälen in ganz Deutschland: Protestsongs von Hans Söllner in Würzburg, Gymnastik und Yoga in Freiburg oder Momo-Lesungen in Berlin.

VI

In der „Erklärung der Besetzer_innen aus dem Casino“ muss zum Ende selbstverständlich noch eines gesagt werden: „Wir bleiben solidarisch und lassen uns nicht spalten.“ Allerdings zeigt die Einheitsfront Risse, wie sie trotz des erwähnten fragwürdigen Vorsatzes selbst in der Erklärung  zu finden sind. Wird dort auf der einen Seite betont, man wolle nichts erbetteln und keinesfalls konstruktiv, sondern kämpferisch und ungehörig sein, versucht man auf der anderen Seite, das selbstorganisierte Workshopprogramm mit den entstandenen Schäden der Besetzung zu verrechnen: „Im Übrigen möchten wir darauf aufmerksam machen, dass unser einwöchiges Workshopprogramm umsonst organisiert und frei zugänglich war. Die Gelder, die eine Hochschule für solch ein Programm eigentlich bereitzustellen hätte, dürften den entstandenen Sachschaden um einiges übersteigen.“ Wenn hier versucht wird, das kreative Potential der jungen Veranstaltungsplanerinnen und -planer vorzurechnen, wird es peinlich und eines deutlich, dass Spaltung Not tut. Bevor man Gefahr läuft, es allen ganz basisdemokratisch Recht zu machen und hinterher nichts mehr zu sagen als trotzige Phrasen im Stile der eingangs zitierten. Zu den Elementen des Protestes in Frankfurt, die über jene in vielen anderen Städten hinauswiesen, zählten nicht zuletzt die Momente der Verweigerung und des Widerstands dagegen, sich von der Universitätsleitung vereinnahmen zu lassen und sich bei ihr anzubiedern. Diese Momente gilt es gegen die Einheitsfront des kleinsten gemeinsamen Nenners – irgendwie mit dem Studium unzufrieden zu sein – zu verteidigen.

VII

Will der Protest vernünftig sein, sich womöglich radikalisieren, gälte es, sich von falschen Identifikationen a la „Wir Studenten“, „Unis den Studis“ und ähnlichem zu verabschieden. Das hieße, anstatt die hohle Phrase für mehr Bildung vor sich herzutragen – als handele es sich um ein quantitatives Problem – und diese Forderung an den Staat als Appellationsinstanz zu stellen, nach der qualitiativen Formbestimmung dieser Bildung selbst zu fragen, also nicht für Bildung einzutreten sondern gegen ihre falsche gesellschaftliche Form. Dann erst käme man vielleicht auf die Idee, dass Bildung nicht erst durch die beklagte Ökonomisierung der Universitäten zur Ware gemacht wird, sondern im Kapitalismus gar nichts anderes sein kann als eine solche. Da kann man noch so oft beschwörend ausrufen „Bildung ist keine Ware“ und damit einen Zustand verteidigen wollen, der längst nicht mehr existiert, besser: noch nie existiert hat; man wird nicht mehr erreichen als jene Studenten, die 1969 in Woodstock den Regen aufforderten, er solle doch endlich damit aufhören, sie nass zu machen.

VIII

Wie die proletarische Revolution, wäre sie je gelungen, die Selbstaufhebung der Klasse in eine freie Assoziation von Individuen hätte sein müssen, so hätte ein revolutionärer Studentenprotest zur Voraussetzung den Bruch eines jeden Einzelnen mit seiner gesellschaftlichen Funktion als Student. Nicht im Namen eines Studentenkollektivs, oder noch schlimmer im Namen eines höheren allgemeinen Prinzips wie der Bildung müssten Forderungen gestellt werden, sondern im Namen der einzelnen Individuen, die darum betrogen werden, was universitäre Bildung doch der Möglichkeit nach sein könnte: Freiheit und Muße zu kritischem Forschen, Lernen und Denken.

IX

Wir können nur hoffen, dass kritische Interventionen wie die unsere, auch solche, wie sie sich teilweise in den von den Organisatoren der Frankfurter Studienproteste angebotenen Alternativvorlesungen niederschlugen, dazu führen, dass der studentische Stumpfsinn endlich ein Ende hat, dass jener antiautoritäre Gestus aufgegeben wird, der sich allen möglichen Autoritäten unterwirft, nur nicht der Autorität der Sache, dass man sich nicht länger dem Staat als bessere Demokraten anbiedert, den Bildungspolitikern nach dem Maul redet und die „Macht mit!“- Suppe mit ein wenig Theorieproduktion salzt und mit revolutionärem Flair pfeffert, also „dasselbe wie vorher, nur ohne Ordnung“ (Magnus Klaue) serviert, sondern dass der Protest mit seiner vernünftigsten Forderung, der nach Freiheit des Denkens selbst identisch wird, dass also eine Vermittlung von Theorie und Praxis in der Kritik stattfindet. Vorerst deutet jedoch alles darauf hin, dass nach einer Woche „Altersheim für Jugendliche“ (ders.), die dann als gelungene Abwechslung gefeiert wird, der alte lahme Trott weitergeht, wie wenn er nie unterbrochen worden wäre.